07.04.2023

Kochlegende Reinhard Gerer ist tot

Der begnadete Koch feierte in den 1990er und den 2000er Jahren mit dem Wiener Korso bei der Oper seine größten Erfolge. PLUS: Reaktionen aus der Branche.

Reinhard Gerer 1953 - 2023
Reinhard Gerer 1953 - 2023 © Inna Safa / Unsplash

Reinhard Gerer hat wohl alle Höhen und Tiefen mitgemacht, die ein Koch in Österreich erleben kann. Zu Beginn seiner Karriere heuerte er in der legendären Brigade von Werner Matt im Wiener Hilton Hotel an. Mit prominenten Wegbegleitern wie Siegfried Kröpfl, Klaus Fleischhaker und Christian Petz war er einer von 75 (!) Köchen, die das Prinz Eugen zum ersten Restaurant des Landes machten. Es gelang dem gebürtigen Steirer, bei den ganz großen Köchen seiner Zeit zu lernen: Paul Bocuse, Eckart Witzigmann, Heinz Winkler. Danach folgten Stationen im Pialée und im Mattes, wo er bereits auf sein einzigartiges Talent aufmerksam machte und als jüngster Haubenkoch Österreichs erstmals Geschichte schrieb.

Seine größten Erfolge feierte Gerer als Küchenchef des Korso bei der Oper im Wiener Hotel Bristol. “Reinhard Gerer ist ein kulinarisches Sonntagskind,” heißt es im Gault&Millau Guide 1987 mit darauf folgenden Relativierungen. Schon damals zeigte sich die Ambivalenz, mit der das Ausnahmetalent zu kämpfen hatte. Er haderte mit Bewertungen und Kritiken, eines stand jedoch nie außer Frage: Kaum jemand konnte seine Raffinesse beim Abschmecken auf den Teller bringen, er wird immer einer der ganz Großen der österreichischen Kulinarik-Geschichte bleiben.

Reinhard Gerer bei der Ehrung zum Koch des Jahres 1993
Reinhard Gerer bei der Ehrung zum Koch des Jahres 1993 © Gault&Millau

Den ersten Höhepunkt seines Schaffens erreichte er im Jahr 1992, wo er auf Augenhöhe mit dem Steirereck, der Villa Hiss und den Obauers mit 18 von 20 Punkten (drei Hauben) – eine bis dahin nicht überbotene Höchstwertung von Gault&Millau – erlangte. Im Guide 1993 wurde er völlig verdient als Koch des Jahres geehrt. Endgültig im kulinarischen Olymp kam er an, als er im Jahr 2000 19 Punkte und vier Hauben eroberte. (Nach der heutigen Systematik wären es fünf Hauben.) Rückblickend haben viele vergessen, dass Gerer dieses extrem hohe Niveau über zwei Jahrzehnte halten konnte. Allerdings hat sein bedingungsloser Einsatz Spuren hinterlassen, von denen er sich nie vollends erholen sollte.

Nach der Ära im Hotel Bristol folgten mehrere Stationen, an denen sein großes Können immer wieder aufblitzte. Sein ambitioniertes Projekt im Magdalenenhof am Wiener Bisamberg war von der Idee her genau das Richtige, nur leider blieb der wirtschaftliche Erfolg aus. Feinschmecker kamen hie und da wieder in den Genuss seiner exzellenten Kreationen, beispielsweise im Restaurant “O” in der Wiener Sonnenfelsgasse oder bei Benjamin Buxbaum. Was einen großen Koch ausmacht und ihn weiterleben lässt, ist das was er weiter gegeben hat. Seine Wegbegleiter würdigen ihn als Leitfigur und Ausbildner, zu seinen Schülern gehören bekannte Namen wie Toni Mörwald, Dieter Koschina, Daniel Kellner, Christian Rach, Josef Zotter in der Patissierie und viele mehr.

Am 6. April 2023 haben wir von mehreren Wegbegleitern von seinem Ableben erfahren. In einer Woche wäre er 70 Jahre alt geworden. Reinhard Gerer wird uns als einer der größten Köche des 20. Jahrhunderts in Erinnerung bleiben.

von Bernhard Degen

Reaktionen

Toni Mörwald, Wegbegleiter und Spitzenkoch: "Reinhard ist einer der ganz großen Köche des Landes gewesen. Mit seiner unnachahmlichen Kreativität und Spontaneität wird er einzigartig bleiben. Ich fand ihn aber nicht nur einen großen Koch, wir waren auch privat bis zuletzt befreundet."

Christian Rach, Hauben- und Fernseh-Koch: "Ich habe 1985/86 bei Reinhard Gerer als Souschef gearbeitet. Er war Begründer der modernen Österreichischen Küche, war ein großer Zampano, wunderbarer Koch, Lebemann und Schlitzohr. So habe ich ihn schon damals kennengelernt. Wir waren eine super Mannschaft, aus der viele, noch heute in Österreich berühmte Köche stammen. Gerer hatte einen wunderbaren Geschmackssinn, einen Pfiff Genialität und Unerschrockenheit, wenn er denn wollte. Zum Lunch kam die halbe Österreichische Regierung und die Spitzen der Wirtschaft. Zum Dinner und dem darauf folgenden "Opern Soupé" internationales Publikum und High Society. Und immer mittendrin: Reinhard Gerer. Er genoss es in vollen Zügen, im gesellschaftlichen Mittelpunkt zu stehen und schaffte dadurch einen unglaublichen Image-Gewinn, nicht nur für sich, sondern auch für die gesamte gastronomische Welt. Ich werde die Zeit in Wien, im Korso und mit Reinhard Gerer nie vergessen!

Dieter Koschina, Spitzenkoch in Portugal, damals Entremétier von Gerer: "Reinhard Gerer war ein genialer Koch, der ein sensationelles Auftreten hatte. Er hat die Klassiker perfekt beherrscht, sein Riesling-Beuschel war das beste, das das ich je gegessen habe."

Karl Hohenlohe, Herausgeber Gault&MIllau: "Reinhard Gerer war ein Lehrmeister für Generationen. Damit hat er ein nachhaltiges Vermächtnis geschaffen. Er hat es wie kaum ein anderer verstanden, die österreichische Klassik auf das höchste Niveau zu heben."

Martina Hohenlohe, Herausgeberin und Chefredakteurin Gault&Millau: "Ich werde nie vergessen, als Reinhard Gerer mir im Onyx im Hotel Bristol einen Branzino in Salzkruste mit Tomatensauce servierte. Klingt banal, war aber eines der besten Gerichte, die ich je gegessen habe. Damals war die Reduktion auf perfekte Zutaten noch nicht Programm, Gerer hatte zu dieser Zeit ein untrügliches Gespür dafür." 

Rudi Obauer, Wegbegleiter und Spitzenkoch: "Reinhard Gerer war ein großartiger Koch und ein guter Ausbildner. Er war der erste Koch, der über das Fernsehen zum richtigen Star wurde. Neben Werner Matt war er eine der großen Leitfiguren."

Klaus Lobnik, war von Anfang an (1982) im Korso dabei, Haubenkoch im Gasthaus Spary: "Reinhart Gerer war mein Lehrmeister! Ich mache das Riesling-Beuschel immer noch so, wie ich es bei ihm gelernt habe. Es war eine super Zeit, wir waren ein eingeschworenes Team. Vom Kochen her war das Weltklasse, abseits der Küche war er der erste Popstar der Branche."

Daniel Kellner, Gerer-Schüler und Haubenkoch: "Für mich als Mensch war Reinhard Gerer unglaublich charismatisch und echt. Als Koch war er für mich der größte Produkt-&Qualitätsfanatiker, den ich je kennengelernt habe."

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