08.03.2026

Fünf Fragen am Weltfrauentag

Interview: Zehn Frauen aus der Kulinarik über notwendige Veränderungen in der Branche, prägende Vorbilder und ihre Erfahrungen als Frauen in der Gastro.

© Gault&Millau / Derya Metzler

Seit 1911 gibt es den Weltfrauentag – ein Tag, der auf Chancenungleichheit aufmerksam macht, die in vielen Bereichen nach wie vor besteht. Auch in der Gastronomie werden Frauen oft übersehen, zudem prägen klassische Rollenbilder den Alltag. Im Video-Interview erzählen zehn Frauen aus der Gastronomie, Hotellerie und Weinwelt, wie sie diese Muster hinter sich lassen, welche Veränderungen sie vorantreiben und welche Vorbilder sie inspirieren. Ihre Erfahrungen zeigen, dass Engagement für Gleichberechtigung in der Kulinarik weit über den 8. März hinaus wirkt.

Astrid Kahl-Schaban, Hotel Gilbert und &flora

Im Hotel Gilbert in Wien Neubau laufen viele Fäden zusammen: ein Boutiquehotel, ein 3-Hauben-Restaurant und ein Treffpunkt in einem der lebendigsten Grätzl der Stadt. Zusammengehalten wird alles von Astrid Kahl-Schaban, die sich schon früh mit ihrem Abschluss an der Tourismusschule „Modul“ bewusst der Gastronomie und Hotellerie verschrieben hat. Es folgten leitende Stationen unter anderem bei DO & CO, im gastronomischen Betrieb des Erste Campus sowie bei der Motto Gruppe. Heute verantwortet sie das Hotel Gilbert gemeinsam mit dem Restaurant &flora, das rund um Küchenchefin Parvin Razavi mit einer saisonalen, gemüseorientierten Küche und einem starken Fokus auf Nachhaltigkeit arbeitet.

Elena Kubiena, R&Bar

Gastronomie stand lange nicht auf Elena Kubienas Agenda. Sie studierte Wirtschaft und arbeitete im Anschluss einige Zeit im Büro, bis der Wunsch immer größer wurde, sich beruflich neu zu orientieren. Elena wollte kochen – und startete vor rund dreieinhalb Jahren im renommierten Taubenkobel bei Alain Weissgerber. Es folgte eine Station im Restaurant Saziani in der Steiermark sowie mehrere Praktika in europäischen Spitzenküchen. Seit 2025 ist sie Küchenchefin in der R&Bar, einem Wiener Szenelokal, das vor allem für seine umfassende Naturweinkarte bekannt ist. Ein Ort, der wie geschaffen scheint für ihre reduzierte, produktfokussierte Küche, in der wenige Zutaten mit Präzision und klarem Geschmack in Szene gesetzt werden.

Heidi Mayrhofer & Sibylle Gaier, Gasthaus Steindl

Wenn Heidi Mayrhofer und Sibylle Gaier in ihren selbstbestickten Adidas-Jacken über ihr Gasthaus Steindl sprechen, geht ihnen das Herz auf. Die Wirtinnen belebten vor mehr als einem Jahr ein 100-jähriges Gasthaus in Alsergrund und lassen seither fast vergessene Wiener Alltagsgerichte wieder aufleben. Neben Bröselkarfiol mit Kapern, Ei und Schnittlauch-Sauce und Reisfleisch mit Parmesan gibt es etwa auch Klassiker aus der Innereienküche. Dazu kommen Wiener Schmäh, viel Herz und jene unverstellte Wirtshaus-Gemütlichkeit, die man in der Stadt nur noch selten findet.

Judith Legretporer, Z’SOM Restaurant

Aus Tirol nach Wien „zuagroast“ hat Judith Legretporer mit dem Z’SOM Restaurant vor vier Jahren ihren eigenen Platz in der Wiener Gastroszene geschaffen. Gemeinsam mit ihrem Mann Diego Briones und dem lateinamerikanischen Küchenteam bringt sie Einflüsse aus verschiedenen Küchen zusammen und verbindet diese mit regionalen Produkten. Wie der Name schon vorwegnimmt, geht es im Z’SOM um Gemeinschaft und Geselligkeit – die nicht zuletzt dank der Herzlichkeit und Expertise von Judith so natürlich und ungezwungen entsteht.

Julia Kilarski & Kristin Bühn, Crème de la Crème

Mit ihrem Crème de la Crème holt Julia Kilarski ein kleines Stück Paris nach Wien. Ursprünglich plante sie nach ihrem abgeschlossenen Studium der Rechtswissenschaften eine Karriere im juristischen Bereich, entschied sich dann aber doch für das Konditorinnenhandwerk – eine wichtige Entscheidung, aus der schließlich zwei eigene Café-Patisserien entstanden. Täglich kann man sowohl in der Josefstadt als auch in Wieden frische Törtchen und Desserts genießen. Kristin Bühn ist seit drei Jahren Head of Pastry im Crème de la Crème, verantwortet mit ihrem Team die köstlichen Kreationen in den Vitrinen und bringt ihr handwerkliches Know-how mit in den Betrieb.

Marion Ebner-Ebenauer, Weingut Ebner-Ebenauer

Dass das Weinviertel zu den spannendsten Weinregionen Österreichs zählt, liegt auch an Winzerinnen wie Marion Ebner-Ebenauer. Gemeinsam mit ihrem Mann Manfred Ebner-Ebenauer führt sie ihr gleichnamiges Weingut in Poysdorf, das nicht nur international für seine präzisen und eleganten Weine bekannt ist, sondern mit seiner idyllischen Lage auch an die Landschaft der Toskana erinnert. Die Trauben werden von Hand gelesen, spontan vergoren und im über 400 Jahre alten Keller mit viel Geduld zu charaktervollen Still- und Schaumweinen ausgebaut.

Peggy Strobel, Die Cafetière

Peggy Strobel hat sich im Juni 2023 einen lang gehegten Traum erfüllt: eine kleine Café-Bar im Stil der 50er Jahre, die die Wiener Kaffeehaus-Kultur mit einem modernen Specialty-Coffeeshop vereint. Viele Jahre arbeitete sie zuvor in der Spitzengastronomie – unter anderem als Restaurantleiterin im Mraz & Sohn, von denen sie heute Süßes und Salziges (Tipp: Käsetoast!) für ihr eigenes Lokal bezieht. Mit ihrer Cafetière im Herzen der Wiener Innenstadt hat sie einen gemütlichen Ort geschaffen, der von gutem Bio- und Fairtrade-Kaffee, einer feinen Auswahl an Speisen und einer Atmosphäre lebt, in der man gerne länger sitzen bleibt.

Stefanie Herkner, Zur Herknerin

Stefanie Herkner ist ein Wirtshauskind. Das war wohl auch der Grund, weshalb ihr die Eltern eindringlich davon abrieten, denselben Weg einzuschlagen: zu anstrengend, zu fordernd, zu wenig planbar. „Meine Eltern haben immer gesagt: ,Mach alles, aber nicht Gastronomie.‘“ Also studierte Herkner Kunstgeschichte in Wien und zog danach für einige Zeit nach London. Ihre Wurzeln und die Liebe zum Gastgeben ließen sich jedoch nicht so leicht kappen, und so kam es, dass sie 2013 ihr Wirtshaus Zur Herknerin eröffnete. Seither prägt sie die Wiener Küche, steht Seite an Seite mit ihrer Mutter hinter dem Herd und macht unter anderem die wohl besten Knödel der Stadt.

Was nervt Sie am Weltfrauentag?

Astrid Kahl-Schaban: Ich finde grundsätzlich alles, was Frauen eine Bühne gibt und auf sie aufmerksam macht, positiv. Ich finde das eine gute Idee.
Elena Kubiena: Dass wir noch immer so viele Probleme adressieren müssen.
Marion Ebner-EbenauerDeppate Chauvi-Sprüche von Männern.
Heidi Mayrhofer: An einem Tag sollen die Frauen hervorgehoben werden, aber in der Realität ist es oft leider anders. Viel ist Vermarktung, wenn man essen geht oder sich feiert, da gehört schon mehr dazu.
Sibylle GaierDass man den Stellenwert der Frau und das, was wir als Frauen in der Gesellschaft leisten, an einem Tag abhandelt.
Judith LegretporerEs nervt mich, dass es den Tag überhaupt braucht. Ich glaube wir sollten mittlerweile so weit sein, dass es gar nicht mehr notwendig ist. Eine Geste wie Blumen oder gratis Prosecco reicht da einfach nicht aus, um das Ganze wirklich zu feiern.
Kristin Bühn: Dass er nicht jeden Tag ist. Ich glaube, dass viel Pinkwashing passiert, weil es sich nur auf einen Tag oder eine Woche beschränkt und FLINTA*-Personen zwar zum Thema gemacht werden, aber auch überdeckt wird, dass sie die 360 anderen Tage im Jahr gesellschaftlich und strukturell eben nicht sichtbar sind.

Was muss sich in der Gastronomie für Frauen ändern?

Astrid Kahl-Schaban: Insgesamt finde ich die Branche sehr divers, aber eine Rücksichtnahme auf Frauen und den Umgang mit ihnen, beispielsweise einen wertschätzenderen Ton in der Küche, würde ich mir wünschen.
Elena KubienaMan muss die Strukturen einfach verändern. Vor allem, wenn man Richtung Zukunft denkt. Richtung Familienplanung, wie man das unter einen Hut bekommt.
Marion Ebner-Ebenauer: Ich glaube, dass der essenzielle Punkt die Kinderbetreuung ist. Man muss es immer selbst stämmen und privat finanzieren. Und dass Frauen dasselbe verdienen sollen für dieselbe Arbeit.
Heidi Mayrhofer: Das Frauenbild in Männerköpfen. Das Grundproblem ist, dass Männer uns Frauen oft als Sexualobjekt sehen. Besonders in der Gastro, wo durchaus Alkohol fließt, werden die Frauen dann dementsprechend behandelt.
Sibylle Gaier: Dass man in einer Führungsposition nicht für voll genommen wird. Dass oft gefragt wird ‘Wo ist der Chef?’.
Judith LegretporerDie Visibilität. Sowohl im Front- als auch im Backoffice. Wir sind in Europa, besonders in Österreich, sehr weit hinten, wenn es darum geht, Frauen in der Gastro sichtbar zu machen.
Julia Kilarski: Wichtig ist ein respektvoller Umgang mit Angestellten. Darauf lege ich in meinem Betrieb sehr viel Wert. Bei uns wird viel reflektiert und stetig überlegt, wie wir gemeinsam wachsen können, und ich glaube, dass in vielen Gastrobetrieben einfach nicht die nötige Zeit genommen wird, um wichtige Themen wie diese zu priorisieren.

Was raten Sie jungen Frauen, die in die Gastronomie einsteigen wollen?

Astrid Kahl-Schaban: Neugierig sein, sich interessieren, sich alle Bereiche und auch andere Restaurants anzuschauen, sich weiterbilden und vor allem zu reisen und den Horizont zu erweitern, das finde ich wichtig.
Peggy Strobel: An sich glauben und dem Herz folgen. Das Allerwichtigste ist, dass man immer das macht, was einem wirklich Spaß macht.
Marion Ebner-EbenauerImmer bei sich zu bleiben, an sich zu glauben und einfach immer weitermachen. Stürzen, aufstehen, Krone richten, weitermachen.
Stefanie Herkner: Sich drübertrauen. Wenn man das wirklich will, dass man sich durchsetzt, egal was die anderen sagen. Und seinem Bauchgefühl, Wünschen und Träumen zu folgen.
Heidi Mayrhofer: Alles offen ansprechen und den Männern auch mal auf die Finger hauen, aber da muss ich den jungen Frauen heute nichts mehr erklären. Da hat sich Gott sei Dank schon viel verändert.
Sibylle Gaier: Sich zu trauen. Wenn es von Herzen kommt und wenn man es gerne macht, ist es ein wunderschöner Bereich.
Judith Legretporer: Glaub an dich. Du musst hart arbeiten, genau wie dein männlicher Kollege hart arbeiten muss, und schau, dass du den Menschen, die an dich glauben, Aufmerksamkeit schenkst. Hab Spaß, und wenn du ein klares Ziel vor Augen hast, wirst du das auch schaffen. Das haben mir schon meine Eltern mitgegeben.
Julia Kilarski: Selbstbewusst zu sein, für sich einzustehen und auch Dinge anzusprechen, die einen stören. Man darf die Leute auch mal wachrütteln und zum Umdenken anregen. Neben all dem natürlich auch nicht den Spaß an der Sache zu verlieren.
Kristin Bühn: Dass sie sich von Anfang an nicht klein machen sollen. Hart verhandeln, Gespräche suchen mit Menschen, die Ahnung von Dingen wie Gehaltsverhandlungen und Präsenz zeigen, haben. Bei all dem aber trotzdem nicht den Spaß am Job verlieren und die eigene Sensibilität, die oft fälschlich als Schwäche abgetan wird, beibehalten. Ich glaube, als Frau kann man alles haben. Es ist zwar leider noch ein harter Weg bis dahin, aber ich glaube, das geht.

Welchen weiblich geführten Betrieb können Sie uns empfehlen?

Astrid Kahl-Schaban: Die Marion Ebner-Ebenauer mit ihrem Weingut. Sie verkörpert für mich wirklich alles, von kompetenter Betriebsführung über Gastfreundlichkeit und Kommunikation bis hin zur Wertschätzung. Sie ist für mich eine richtige Powerfrau.
Peggy Strobel: Den Naschsalon. Das ist ein Café mit Konditorei von Astrid Karpf. Sie macht wirklich super Sachen. Absolute Leidenschaft, ganz, ganz toller Betrieb.
Marion Ebner-Ebenauer: Ich habe ganz viele tolle Kolleginnen, sowohl international wie Elisabetta Foradori oder Gaia Gaja, als auch in Österreich die Dorli Muhr. Ich bin auch ein großer Fan von Anne-Sophie Pic, ihre Betriebe sind großartig. Auch in Österreich fallen mir viele Gastronominnen ein, wie Birgit Reitbauer, die das Steirereck fest im Griff hat, oder Parvin Razavi, die im Gilbert kocht. Ich könnte ewig weitermachen.
Stefanie Herkner: Ein Betrieb, der mich sehr fasziniert, ist der Eckel in Wien, denn da kocht schon seit vielen Jahrzehnten eine Frau.
Heidi Mayrhofer und Sibylle GaierDie Jutta Ambrositsch, eine uns bekannte und liebgewonnene Winzerin, die natürlich auch bei uns im Wirtshaus vertreten ist. Sie stellt ihre Frau. Ihr Mann arbeitet zwar auch mit, aber she’s the boss.
Elena Kubiena: Das Café Caché, das die Lisa Machian macht. Ich finde es sehr beeindruckend, wie sie das alles schupft.
Judith LegretporerLeider gibt es die Siegwart’s Tiroler Weinstuben in Brixlegg nicht mehr, aber die Traudi war – zu der Zeit – die erste Köchin, die es geschafft hat, ganze vier Hauben zu erkochen. Sie hat aus einem ganz kleinen Ort in Tirol wirklich neue Maßstäbe gesetzt.
Julia KilarskiIch liebe die Stefanie Herkner mit ihrer Herknerin.
Kristin Bühn: Alles von Haya Molcho, weil sie einfach eine Ikone in der Gastro ist. Ich mag auch das Gasthaus Woracziczky von Marion Jambor sehr gern.

Welche Frau inspiriert Sie?

Marion Ebner-EbenauerDie Energie einer Tina Turner auf der Bühne, die Stimme einer Whitney Houston oder einfach der Punk von Vivienne Westwood. Ich war immer mehr in der Mode, Musik und Kunst zu Hause, und da hole ich auch bis heute meine Inspiration her.
Elena Kubiena: Meine Mutter.
Stefanie Herkner: Immer meine Mama. Besonders, weil sie seit über 50 Jahren in dieser Männerdomäne präsent und aktiv ist als Köchin, das ist für mich das größte Vorbild. Sie ist meine Quelle der Inspiration und des Lernens.
Heidi MayrhoferNicht eine speziell, sondern einfach Frauen, die sehr resolut sind. Nicht im unangenehmen Sinne, sondern einfach so, dass sie schauen, dass sie nicht zu kurz kommen und das auf eine sehr angenehme Weise machen.
Sibylle Gaier: Eigentlich alle Frauen an sich, die sich mit ihrem Charme, Witz und ihrer Intelligenz ihren Platz – wo auch immer der für sie ist – erkämpfen.
Judith Legretporer: Ich komme ja ursprünglich gar nicht aus der Gastro. Ich habe 16 Jahre lang bei L’Oreal gearbeitet und dort ganz viele inspirierende Frauen um mich herum gehabt. Nathalie Roos und Anna Weste möchte ich besonders hervorheben. Meine Mama und meine Schwester, die beide ihren Weg sehr zielstrebig gegangen sind, und eine meiner langjährigen Freundinnen, Christina Holaus, die einfach eine wahnsinnige Fighterin und Powerfrau ist.
Julia KilarskiMeine Mama. Sie hat mir viel über das Elternsein beigebracht und mir gezeigt, wie man resilient sein kann und Spaß am Leben hat. Meine Kinderärztin ist auch ein großes Vorbild für mich. Sie ist eine selbstbewusste Macherin und hat ein Herz aus Gold. Nicht zu vergessen meine Freundinnen und meine Mitarbeiterinnen, die mich ebenso sehr inspirieren.
Kristin Bühn: Meine Mama und die Frauen in meinem Umfeld. Jede Frau hat etwas Inspirierendes an sich, sei es beispielsweise ihr Humor oder ihre Intelligenz.

von Derya Metzler und Angelina Rebel

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